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Weltlesebhne

Leipzig | 14. März 2015 | 13.00 - 14.00 Uhr
GLÄSERNER ÜBERSETZER

Gundula Schiffer übersetzt öffentlich aus dem Hebräischen:
"Avedot. Mukdasch le-Antonia" von Lea Goldberg
Ort: Leipziger Buchmesse,
Forum International mit Übersetzerzentrum (Halle 4)

 Lea Goldberg (1911 in Königsberg – 1970 in Jerusalem) gilt als eine der bedeutendsten Dichterinnen hebräischer Sprache, die auch als Übersetzerin, vor allem russischer und italienischer Literatur, wirkte. 1935, unmittelbar nach ihrer Ankunft im Mandatsgebiet Palästina und unter dem Eindruck ihrer Studienjahre in Deutschland, begann sie mit der Arbeit an Avedot (dt.: Verluste. Antonia gewidmet). Doch in Israel erschien der Roman erst posthum 2010 – Goldberg hatte zu Lebzeiten nur Auszüge in Zeitschriften veröffentlicht und sich schließlich gegen eine Publikation entschieden, wohl weil sie ihre düsteren Vorahnungen übertroffen und den zionistischen Zeitgeist anders gestimmt sah.

Avedot/Verluste ist der Roman einer Selbstvergewisserung. Er spielt in Berlin in den Jahren 1932-1933: Der aus Russland stammende, hebräische Dichter Elchanan Jehuda Kron, der sich soeben von Kibbuz und Ehefrau Lili getrennt hat, forscht in Berlin über arabische Mystik. Während einer Eisenbahnfahrt begegnet er der Archäologiestudentin Antonia Dieterle und verliebt sich in sie. Wenig später verliert er die Handschrift eines Gedichts aus seinem Zyklus "Die Gottesflucht", das später gegen ihn verwendet wird. Kron ist ein ruheloser Künstler, der vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Machtergreifung das Gespräch mit verschiedenen jüdischen wie christlichen Intellektuellen sucht. Kron fragt nach seiner jüdischen Identität, seiner Heimat und seiner Berufung als Schriftsteller in der hebräischen, "heiligen" Sprache, die erst auf dem Wege ist, zu einer umfassend säkularen Alltagssprache zu werden. Als zwei Orientalisten das wiedergefundene Gedicht als angeblich antichristlichen Text brandmarken, kehrt Kron "nach Hause", nach Erez Israel zurück. Bevor er Berlin verlässt, widmet er Antonia seinen Gedichtzyklus.

Gundula Schiffer, geb. 1980, studierte u.a. Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in München. Widmete sich anschließend der hebräischen Sprache und Literatur in München, Düsseldorf, Köln und an der Hebräischen Universität in Jerusalem. 2010 Promotion über die Poesie der Psalmen in der Übersetzung von Moses Mendelssohn. Heute lebt sie in Köln und übersetzt aus dem Hebräischen, Französischen und Englischen, bisher vor allem Lyrik (u.a. auch von Lea Goldberg) und Theaterstücke, aber auch Filmdialoge, Kinder- und Jugendliteratur sowie Graphic Novels.
Die Schwierigkeit der Übersetzung von Avedot/Verluste, einem modernistischen Großstadttext auf dem Fundament biblisch-hebräischer Sprache, liegt darin, die archaische Kantigkeit des Textes so zu gestalten, dass sich für das Deutsche ein stilistischer Mehrwert ergibt. Denn Parataxe, begrenzter Wortschatz sowie orientalische Dopplungen verleihen dem Roman die typisch biblische Wucht und zugleich Einfachheit.
Gundula Schiffers Arbeit an der Übersetzung von Avedot wird gefördert durch das erste Nachwuchsstipendium der Kunststiftung NRW. Auf Deutsch erscheint der Roman im Herbst 2015 im Arco Verlag.
Eine Veranstaltung der Weltlesebühne in Zusammenarbeit mit dem Übersetzerzentrum der Leipziger Buchmesse. Gefördert durch die Robert Bosch Stiftung.

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