Suche

Weltlesebhne

Leipzig | 20. März 2016 | 14 - 15 Uhr
Gläserner Übersetzer
Christel Hildebrandt übersetzt live aus dem Norwegischen: "Hellemyrsfolket" von Amalie Skram

Ort: Leipziger Buchmesse
Übersetzerzentrum, Halle 4, Stand E500

Amalie Skram (1846 – 1905) wurde in Bergen, Norwegen geboren. Ihre Eltern besaßen einen kleinen Laden, der in Konkurs ging, als Amalie 17 Jahre alt war. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, setzte sich ihr Vater in die USA ab, mit dem Versprechen, die Familie nachzuholen. Aber daraus wurde nichts, die Mutter musste die fünf Kinder selbst versorgen. Amalie heiratet deshalb den deutlich älteren Kapitän Müller und fährt mit ihm zur See. Nach 13 Jahren Ehe, aus der zwei Söhne stammen, reicht sie die Scheidung ein und geht nach Oslo, um als Schriftstellerin und Kritikerin zu arbeiten. 1884 heiratet die inzwischen in Kopenhagen lebende Amalie den dänischen Schriftsteller Erik Skram, mit dem sie eine Tochter bekommt. Zwar erhält sie in Dänemark mehr Anerkennung für ihre Arbeit als in Norwegen, erleidet aber unter dem Druck, als Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin akzeptiert zu werden und ihren eigenen Ansprüchen zu genügen, einen Nervenzusammenbruch, der zu einem freiwilligen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik führt. Und auch die Ehe hält diesem Druck nicht stand, wird 1899 geschieden.

Amalie Skram gilt heute als die wichtigste Vertreterin des Naturalismus ihrer Zeit in Skandinavien. All ihren Werken liegen eigene Erfahrungen zu Grunde: In den "Frauenromanen" beschreibt sie das Aufbegehren der Frau gegen die Herrschaft des Mannes, sowohl ökonomisch als auch sexuell; in ihrem Hauptwerk "Hellemyrsfolket" (Die Leute vom Teufelsmoor) schildert sie über mehrere Generationen hinweg den vergeblichen Kampf einer Familie, aus ärmlichsten Verhältnissen aufzusteigen; in ihren "Psychiatrieromanen" schließlich geht es um ihren Aufenthalt in der Anstalt in Dänemark und die Allmacht des leitenden Professors.
Zum Zeitpunkt des Erscheinens haben ihre Werke weit über die Kreise der Frauenbewegung hinaus für heftige Diskussionen gesorgt. Teilweise sind sie bereits damals auch in deutscher Übersetzung erschienen, im deutschsprachigen Raum später aber mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Ihre "Psychiatrieromane" "Professor Hieronimus" und "Paa St. Jørgen" erscheinen in diesem Frühjahr in Christel Hildebrandts neuer Übersetzung im Guggolz Verlag.

Christel Hildebrandt, geb. 1952, studierte Germanistik und Soziologie und promovierte mit einer Arbeit über Frauenliteratur in der DDR in deutscher Literaturwissenschaft. Seit 1988 übersetzt sie aus dem Norwegischen, Dänischen, Schwedischen und Färöischen (u. a. Lars Saabye Christensen, Håkan Nesser, Henrik Ibsen, August Strindberg, Dan Turell und Maria Parr). Daneben hat sie, meist gemeinsam mit Gabriele Haefs und Dagmar Mißfeldt, mehrere nordische Anthologien herausgegeben. Sie lebt in Hamburg. Als "gläserne Übersetzerin" wird sie live aus Amalie Skrams mehrbändigem Werk "Hellemyrsfolket" übersetzen. Die verschiedenen Dialekte und Soziolekte, die bei den einzelnen Personen und in den unterschiedlichen Zeiten Verwendung finden, stellen eine besondere Herausforderung dar.

Eine Veranstaltung der Weltlesebühne in Zusammenarbeit mit dem Übersetzerzentrum der Leipziger Buchmesse. Gefördert durch die Robert Bosch Stiftung.

oben